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Interview Radio 1
Film Festival / Eine Stadt heilt sich selbst
Cottbus. InderSektion„Heimat/Domownja/Domizna“zeichnetderDokumentarfilm„Wenn wir erst tanzen“ das Porträt der totgeglaubten Industriestadt Hoyerswerda, die erst durch ihre liebenswerten Bewohner ein lebendiges Gesicht erhält.

Von Jenny Theiler

„Auf den Dächern griffen wir nach dem Himmel und zwischen den Häuserzeilen entdeckten wir die Welt.“ So erinnert sich Dirk L. an seine Kindheit in Hoyerswerda. Szenen aus den Aufbaujahren der einstigen Industriestadt und bunte Bilder, die glückliche junge Menschen zeigen, erleichtern dem Zuschauer den thematischen Einstieg in den Dokumentarfilm und vermitteln auch jüngeren Zuschauern einen authentischen Einblick in bessere Zeiten. Der Verdacht eines sentimentalen Gedenkstreifens, der lediglich den Absturz einer stolzen Industriestadt kontrastieren soll, entsteht jedoch nicht. Vielmehr tritt Hoyerswerda von der ersten Einstellung an als eigenständiger Protagonist auf. Es präsentiert sich im Gewand der allseits bekannten Plattenbauten und spricht durch seine Bewohner, deren facettenreiche Geschichten eine kontrastreiche urbane Seele offenbaren.

Nach der Wende ersetzen Arbeitslosigkeit und Existenzängste den einstigen Heimatstolz bei den Bewohnern Hoyerswerdas. Dennoch ist kein Fokus auf eine, im Sterben liegenden Stadt, erkennbar. So wirken Porträtaufnahmen in sanierten P2 Wohnungen eher freundlich als trist. Auch das Kunstprojekt „Superumbau“ von Dorit Baumeister findet Erwähnung und zeigt jene städtischen Regungen, die lebendig und optimistisch, aber keinsewegs sterbend wirken.

Dieser Tenor manifestiert sich weiterhin. Themen wie Leben und Bewegung werden im Film in besonderer Weise dargestellt und mit dem statischen Protagonisten Hoyerswerda in einen spannenden Kontrast gesetzt. Dirk L. gründet eine Laien-Tanzgruppe, die sich zunächst aus rund 40 Teilnehmern zusammensetzt – der jüngste ist sieben, der älteste 87. Es soll ein Stück entstehen, das den Gefühlszustand der Stadt dokumentieren soll. Dies geschieht im Laufe des Films, durch die individuellen Geschichten eines jeden Einzelnen, die mit persönlichen Ängsten und Erinnerungen, aber auch mit Wünschen und Träumen verbunden sind.

Dirk Lienig, Dirk Heth und Olaf Winkler haben den Film entwickelt und kommen auch selbst zu Wort. Dirk Lienig agiert in der dokumentarischen Handlung als jener Dirk L. der die Funktion des Rückkehrers, Moderators, Tanzgruppenleiters und Psychotherapeut einnimmt. Er fragt aus dem Off nach den Kindheitsträumen seiner Tänzer, die sich in verlegener Rührung an ihre einstigen „Pilla-Palle-Wünsche“, wie es eine Tänzerin nennt, erinnern.

Träume und Wünsche der Allgemeinheit zu offenbaren, ist eine äußerst persönliche Art sich einer unbekannten Masse vorzustellen. So viel Offenheit wird auch vom Publikum honoriert, denn schnell entwickelt der Zuschauer Sympathie und lauscht schmunzelnd den unterschiedlichsten Kindheitsträumen wie Zirkusatristin, Schornsteinfeger oder Musiker. Eine Identifikationsbasis ist geschaffen und verfestigt sich entgültig, als die eigentümliche Tragik des Films zu Tage tritt. Dirk L. fragt weiter und schnell wird klar, dass die Träume vom Fliegen oder vom Zirkus nie in Erfüllung gegangen sind.

Die Konfrontation mit den zerbrochenen Kinderträumen bildet eine Einheit mit dem aktuellen Stadtbild von Hoyerswerda und reißt alte Wunden auf. Schnell wird erkennbar, dass die Verbundenheit mit der Heimat und der Vergangeheit noch immer besteht, aber nie richtig aufgearbeitet wurde. Die Stadt mit den Plattenbauruinen wird zum Spiegelbild der Gemüter. Gleichzeitig beginnen die Tänzer über ihre derzeitige Lebenssituation zu reflektieren, was offenkundig durch den Tanz ausgelöst wird.

Die Tänzer entwickeln im Training ein Zugehörigkeitsgefühl, das viele von damals kannten, einige aber auch nie kennengelernt haben. Sowohl den Älteren, als auch den Jüngeren ist eines jedoch gemein. Die äußeren Lebensumstände werden als erdrückend wahrgenommen und dem Tanz als befreiende Komponente entgegengestellt.
Nachgetanzt wird der Bühnenklassiker „Le Sacre“, dessen fulminantes Ende im Laufe der Proben von Dirk L. doch noch verändert wird. Der Tod einer Jungfrau, die sich in purer Selbstaufopferung für die Gemeinschaft zu Tode tanzt, passt nicht länger zu den Antworten, die die Tänzer mittlerweile gewinnen. Wie der endgültige Schluss getanzt wird, bleibt im Film offen.

Der Film ist in seinem Ausdruck der Stadt ähnlich, die er porträtiert – schlicht, schnörkellos und bescheiden, aber deswegen nicht weniger eindrucksvoll. Es werden Porträts von einfachen Menschen aus verschiedenen Generationen gezeichnet, die den Zuschauer unaufdringlich bewegen. Der Tanz steht hierbei in seiner Vielseitigkeit für Leben, Freude und Entwicklung. „Wenn wir erst tanzen“ transportiert die optimistische Botschaft, dass äußere Umstände nicht immer zu ändern sind, aber das Lebensglück des Einzelnen nicht dominieren sollten. Jeder der Porträtierten zieht aus seiner Lebenssituation seine eigenen Konsequenzen und entwickelt sich, entgegen der so oft postulierten Untergangsstimmtung in Hoyerswerda, weiter.
Sächsische Zeitung
Wie Bürger sich die Arbeitswelt erklären


Von Mirko Kolodziej

Die fünf Aufführungen von "Das Frühlingsopfer" am Wochenende im Ex-Centrum hatten rund 1 000 Zuschauer.
Für manche Dinge gibt es keine Worte, um sie angemessen zu beschreiben. Das gilt zum Beispiel für das atemberaubende Duett, das die Geschwister Salomé (14) und Lawrence (12) am Wochenende fünfmal im früheren Centrum-Warenhaus getanzt haben - ebenso wie für das von Janina (38) verkörperte Solo. Die von der KulturFabrik-Tanz-Compagnie auf die provisorische Bühne gebrachte Interpretation von Igor Strawinskis Stück "Das Frühlingsopfer" nennt Oberbürgermeister Stefan Skora "eine runde Sache - sehr professionell" und Henrike Sandner rezensierte im mdr-Sachsenspiegel: "Es haut einen schier um, zu Strawinskis großartiger Musik völlig normale Bürger zu sehen, die mit ihren Körpern ein ganzes Leben erzählen."

Beinahe gewalttätige Musik

Für den Zuschauer lag am Wochenende sicher eine Frage nahe: Wie kann es bei so einem Gewimmel auf der Bühne eigentlich sein, dass jeder der 70 Tänzer immer weiß, wo er wann sein muss und was er dort zu tun hat? Doch es leuchtet ein: Das Training dauerte ein halbes Jahr und vorige Woche waren die Protagonisten buchstäblich in der Dauer-Probe. Die interessantere Frage ist also eher folgende: Lässt sich mit den Mitteln von Film und Tanztheater, die Chef-Tänzer Dirk Lienig als "Bürger-Kultur-Arbeit" versteht, tatsächlich ein unverstellter Blick auf die heutige Arbeitswelt werfen? Das Wochenende hat gezeigt: Das geht. Thematisiert wurde da nichts, das auch nur ansatzweise zum Jubeln taugt. Alle, die auf der Leinwand im Film von sich erzählten, machten klar: Leistungsdruck, ökonomische Zwänge, das Beiseiteschiebenmüssen persönlicher Neigungen hinterlassen zumindest Kratzer in Physis und Psyche. "Ich gehe als Schauspieler in ein Theater und spiele eine Rolle. Irgendwann spiele ich diese Rolle auch im eigenen Leben", schilderte etwa Carsten (52) seinen Eindruck "normaler" Erwerbs-Biografien.

"Die Musik war mir zu disharmonisch. Aber was die Tänzer in den Filmsequenzen erzählt haben, fand ich schon sehr interessant", fasste eine Hoyerswerdaerin nach ihrem Besuch im ersten Obergeschoss des nun zum Lausitz-Center gehörenden Gebäudes zusammen. Ja, Strawinskis "Le sacre" ist - beim Thema "Opferung" naheliegend - beinahe gewalttätig. Und die Hoyerswerdaer Inszenierung ließ emotionale Verstörung durchaus zu. In diverse Bewegungsabläufe hineininterpretieren lassen sich Dinge wie Schmerz, Wut, Trauer, das der Konkurrenz-Gesellschaft innewohnende Ich-Ich-Ich, das Springen und Strecken nach der Wurst ebenso wie etwa das von anderen Menschen Aufgefangenwerden.

Die Harmonie ist weg

Heike Schwarzer meinte in ihrer Rezension im Deutschlandfunk, die Darbietung gehe unter die Haut und zeige "eine Arbeitswelt, die unmenschlich und brutal sein kann, in der Ärzte, Fernfahrer, Verkäuferinnen und selbst schon Schulkinder gegen Zeit und Erfolgsdruck kämpfen." Tänzer Martin (23) drückte es auf der Leinwand so aus: "Eine Firma will nicht wissen, ob man an sich selbst gewachsen ist." Das zeitweise Gewimmel auf der Bühne lässt sicher die Interpretation zu, dass nach Auffassung der Choreografie unserer Gesellschaft die Harmonie abhandengekommen ist. Auch dafür, dass die gehetzte Tänzerin Janina nach der Inszenierung ihres Lebens-Solos am Schluss zusammenbricht, gibt es keine passenden Worte. Man braucht sie in diesem Zusammenhang aber auch nicht. Allerdings: Die in diesem Kontext aufschlussreichste Szene des Stückes ist der erste Auftritt der Tänzer nach dem filmischen Auftakt. Sie kamen in ihren gedeckten Anzügen auf die Bühne, nahmen Aufstellung und begannen, sich zu wiegen: In die graue Masse kam Bewegung. Der Umstand, dass 70 Hoyerswerdaer sich miteinander und mit letztlich gut tausend Zuschauern in den fünf Aufführungen über den Verlust von Neigungen beim Trimmen auf Marktfähigkeit unterhalten, spricht Bände. "Das bringt jede Menge in Bewegung - die Körper, die Gedanken, die Netzwerke einer ganzen Stadt", hieß es bei mdr-Figaro.

Dafür hat sich sicher gelohnt, nicht nur ein halbes Jahr Kraft und Hirnschmalz zu opfern, sondern auch Tanzteppich und Tontechnik aus Berlin heranzukarren, aus einem Teil des Ex-Centrums (zu zwei Dritteln leerstehend) einen passablen Bühnen- und Zuschauerraum zu zaubern und letztlich Schlüsse zu ziehen. "Wenn ich immer danach strebe, es anderen recht zu machen, dann verliere ich mich selbst", meinte Tänzerin Sabine. Was Wunder, dass ihre Namensvetterin von der KuFa-Verwaltung am Ende von Tanzprojekt Nummer fünf einen Wunsch äußerte: "Weitermachen!"


Laudatio Sächsischer Amateurtheaterpreis 2015
„Eine Stadt tanzt: Le sacre du printemps“ – Tanztheaterprojekt der Kulturfabrik Hoyerswerda e.V.

Eine Gruppe steht im Pulk. Menschen entledigen sich ihrer Anzugjacken, rollen übereinander, greifen ins Nichts. Fallen, greifen, sich aufrichten, rennen. Atmen. Sich im Raum behaupten – als Einzelner, im Trio, in der Masse.
Dagegen gesetzt kleine Filme mit Interviews von einzelnen Projektbeteiligten, Frauen und Männer aus Hoyerswerda. Erzählungen vom Scheitern, vom Leistungsdruck, vom Kampf um die eigenen Träume.
„Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky – ein Stück, das davon erzählt, wie in archaischer Zeit eine Dorfgemeinschaft jedes Frühjahr ein junges Mädchen aus den eigenen Reihen tötet, um die Götter zu besänftigen und um eine ertragreiche Ernte zu sichern. Ein scheinbar altmodisches Thema. Tatsächlich opfern wir ständig. Wir opfern unsere Demokratie zugunsten des globalen neoliberalen Marktes. Wir opfern unsere Mitmenschlichkeit, unser Einfühlungsvermögen, unsere Empathie zugunsten von Konkurrenz und Leistungsdruck. Wir entmenschlichen uns, opfern unsere Träume und behandeln uns selber wie Maschinen, die wir ständig perfektionieren – um Geld zu verdienen. Das neoliberale Ideal eines Menschen unserer Zeit ist der Roboter: Unendlich leistungsfähig, niemals krank, vollkommen berechenbar.
Sowie wir dem Druck nicht mehr standhalten, wie ein Roboter zu funktionieren, sind wir mit Entwertung konfrontiert: durch Andere, durch das System und durch uns selbst. Wir leben in einer brutalen Zeit. Wer einmal durchs Raster fällt, ist eben draußen. Wer verloren hat, hat eben verloren.
In diesem Zusammenhang zeigt die Produktion von „Le sacre“, was Theater kann.
Es zeigt Menschen nicht als funktionierende Roboter, sondern als atmende Wesen.
Es zeigt Körper und Bewegung als Träger von Emotion, Menschlichkeit und Sehnsucht.
Es zeigt Theater als Mittel und Methode, in einer harten und verwirrenden Zeit unsere Menschlichkeit zu behaupten.
Wir alle sind Träger persönlicher, regionaler, europäischer und globaler Geschichte. Wir alle rennen, stolpern, greifen ins Leere und richten uns wieder auf.
Es scheint, als seien die Tänzerinnen und Tänzer aus Hoyerswerda Wanderer zwischen den Welten:
Unserer Gegenwart und der archaischen Welt des Frühlingsopfers. Der Mythos rückt uns “dicht auf die Pelle”: Im Tanz und in den Erzählungen und Gesichtern der Interviewten.
Die Choreografie der Kulturfabrik Hoyerswerda überzeugt durch kraftvolle Kontraste und einen präzisen Umgang mit Raum, Licht und Bewegung. Sie überzeugt durch hochpräsente Darsteller, die die Bewegungen der Choreografie nicht nur ausführen, sondern durch ihre Präsenz, ihre Erfahrungen und die Qualität ihrer Bewusstheit individuell beleben. Sie überzeugt durch ihren eigenständigen inhaltlichen Zugriff.
Theater kann ermächtigen. Es kann dem Bild des Roboters ein anderes Bild von Menschen entgegen setzen: Menschen als spürende, mitfühlende und suchende Wesen, die Anforderungen ausgesetzt sind und ihnen nicht blind erliegen, sondern an ihnen wachsen und bewusst Gemeinschaft gestalten.
Somit verführt das Projekt „Le Sacre du Printemps“ der Kulturfabrik Hoyerswerda unter der Leitung von Dirk Lienig nicht nur zum Tanzen: Es verführt zum Leben.
Ich gratuliere herzlich im Namen der gesamten Jury zur Auszeichnung mit dem Sächsischen Amateurtheaterpreis 2015!

Sebastian Eggers, Berlin, Oktober 2015